Oder auch:
Warum ich als Student der evangelischen Theologie ein Praktikum im Bundestag absolvierte
Ein Erfahrungsbericht von Jan Wünsche und eine Einladung, sich zu vernetzen und unterstützen zu lassen
Bornhausen-Schwerte/Villigst-Berlin
Die Schulzeit ist für viele Schülerinnen und Schüler vor wenigen Wochen zu einem Ende gekommen. Alle Prüfungen sind geschrieben, und die Pläne für die nächsten Monate und Jahre werden geschmiedet: Auslandsaufenthalt, Ausbildung oder der Beginn eines Studiums. Die Möglichkeiten scheinen grenzenlos. Doch spätestens, wenn es auf die Ausbildung oder das Studium zugeht, stellt sich oft eine entscheidende Frage: Wie soll das alles finanziert werden? Auch wenn die Studiengebühren an den staatlichen Universitäten und Hochschulen in Deutschland nicht hoch sind, kostet alles Andere viel Geld: Eine Wohnung, Studienmaterialien, Essen und viele weiter Kosten und Ausgaben während des Studiums kommen dazu. Auch wenn ich bis heute von meinen Eltern unterstützt werde, stellte sich mir die Frage: Gibt es eine Möglichkeit abgesehen von Nebenjob anderweitig finanziell unterstützt zu werden?
Dann erfuhr ich vom Evangelischen Studienwerk Villigst – das ist eines der dreizehn Begabtenförderungswerke Deutschlands, wird finanziell unterstützt durch das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) und von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Zusätzlich ermöglichen SpenderInnen das vielfältige Bildungsangebot der Stiftung. Bewerben können sich Studierende aller Studiengänge, die planen, ein Studium an einer Universität oder Hochschule zu absolvieren, und die sich noch in den ersten zwei Semestern befinden. Aber nicht nur Studierende können sich um eine Förderung bewerben, sondern auch Promovierende und seit 2024 auch Auszubildende, sodass sich auch diejenigen bewerben können, die nicht studieren, aber trotzdem Lust auf eine großartige Gemeinschaft mit vielen Möglichkeiten haben. Beim evangelischen Studienwerk kann man sich auch bewerben, wenn man nicht Mitglied der evangelischen Kirche ist. Bekannte ehemalige StipendiatInnen des Studienwerkes sind zum Beispiel der Politiker Kurt Biedenkopf, der Autor Roger Willemsen und die Theologin Margot Käßmann.
Ich bin seit meinen dritten Semester Stipendiat beim Studienwerk Villigst und habe bereits viele Erfahrungen gesammelt. So lernte ich schon (in meiner Einführungswoche) und auch jetzt noch immer wieder wunderbare Menschen kennen, mit denen ich weiterhin in gutem Kontakt bin.
Das Studienwerk Villigst bietet jedes Jahr eine Sommeruni an sowie über das Jahr verteilt immer wieder Exkursionen, Studientage und auch ein „Schnupperstudium“ in Fächern, die mit dem eigenen Studiengang und Fachbereich nichts zu tun haben. Bei „Villigst“ gibt es unzählige Möglichkeiten, Neues zu entdecken. Doch nicht nur akademisch wird man bei „Villigs“t gefördert und gefordert, sondern auch spirituell: Regelmäßig werden Programme wie „Ora et scribe“ („Bete und schreibe“) angeboten, bei denen man in Ruhe im „Haus Villigst“ in Schwerte an eigenen Hausarbeiten / Projekten arbeiten kann und dabei geistliche Begleitung durch Pfarrpersonen erfährt. Was mir besonders gefällt, ist die Vernetzung mit anderen Menschen und die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben. Von einem Highlight möchte ich erzählen: Schon während meines Auslandsjahres in Israel fiel mir über das Villigster Programm EPAP (Evangelisches Parlaments-Austausch-Programm) eine Ausschreibung für ein dreiwöchiges Praktikum im Bundestag bei Thomas Rachel (MdB) ins Auge. Thomas Rachel ist neben seiner Mitgliedschaft in den Ausschüssen „Auswärtiges“ und „Zusammenarbeit“ auch „Beauftragter der Bundesregierung für Religions- und Weltanschauungsfreiheit“ – ein Amt, das dem Auswärtigen Amt angegliedert ist. Und er suchte einen Praktikanten / eine Praktikantin - vorzugsweise der Theologie oder Religionswissenschaften.
Ich bekam den Praktikumsplatz und wurde als Theologiestudent direkt in einen Bereich einbezogen, der mir inhaltlich schon vertraut war, in diesem Berliner Kontext aber total neu: Religionswissenschaft, Ökumene, interreligiöser Dialog und interkulturelle Theologie.
Ich konnte an vielen Terminen im Bundestag und im Auswärtigen Amt teilnehmen, unter anderem mit Premierministern von Exilregierungen, mit Delegationen unterdrückter religiöser Minderheiten und mit leitenden Geistlichen der Ost- und Westkirchen. Auch parlamentarische Frühstücke sowie Arbeitsgruppen- und Ausschusssitzungen habe ich besucht. Darüber hinaus habe ich einige spannende Aufgaben übernommen. Neben dem üblichen Tagesgeschäft – Sitzungen vorbereiten, BesucherInnen empfangen, an Treffen teilnehmen – habe ich auch zwei Langzeitprojekte mitgestaltet. So habe ich eine Phoenix-Sendung zum Thema „Gescheiterte Demokratie – Griechenland 1935“ in der Reihe „Forum Demokratie“ mitvorbereitet. Und in Vorbereitung auf den kommenden Religionsfreiheitsbericht der Bundesregierung durfte ich die Religionsfreiheitsberichte verschiedener Organisationen synoptisch auswerten. Im Vorfeld habe ich mich natürlich gefragt, ob studentische theologische Expertise im Bundestag wohl nützlich sein könnte. Es hat sich jedoch gezeigt: Nicht ausschließlich Bau, Soziales, Wirtschaft, Umwelt und Gesundheit, sondern auch religionsspezifische Themen sind von großer Relevanz – zumal vieles auch zusammenhängt.
Das Studienwerk Villigst ist mehr als eine Gemeinschaft. Der „Villigster Geist“ bringt junge Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammen, und das Studienwerk unterstützt nicht nur finanziell ein Studium oder eine Ausbildung, sondern bietet auch Möglichkeiten zur Fort- und Weiterbildung. Darüber hinaus lernt man Menschen kennen, mit denen man über „Villigst“ auf besondere Weise verbunden bleibt.
Für weitere Informationen und Bewerbungsmöglichkeiten gibt es Infos auf der Website: www.evstudienwerk.de sowie auf den Social-Media-Kanälen von Villigst: auf Instagram @evstudienwerk und auf Facebook: EvangelischesStudienwerkVilligst.
